|
Durch Überkopfarbeit sind dabei 1200 kg, durch stark gebeugte Körperhaltung 900 kg zu bewegen (vgl. Abbildung 5). Folglich ist eine sehr hohe Belastung des Halswirbelsäulenbereiches, des Schultergürtels, der Arme sowie der Bandscheiben gegeben.
Der dominierenden Anteil an der Gesamtlast entsteht durch das mehrfache Heben/Umsetzen der Thermotabletts. Verdeutlicht wird dies durch den Arbeitsablauf beim Sortieren des Geschirrs und Beschicken der Spülmaschine. Auf die Tabletts bezogen gestaltet sich der Ablaufabschnitt je nach Arbeitsweise wie folgt:
|
|
Arbeitsweise 1
(zeitlich getrenntes Beschicken der Spülmaschine mit Geschirr und Tabletts) |
Arbeitsweise 2
(wechselweises Beschicken der Spülmaschine mit Geschirr und Tabletts) |
1. Hebevorgang vom Tablettwagen zum Aufstapeln ab Fußbodenhöhe (längeres Zwischenstapeln) |
1. Hebevorgang vom Tablettwagen auf seitlichen Ablagetisch (kurzes Zwischenstapeln) |
2. Hebevorgang vom Tablettstapel auf seitlichen Ablagetisch |
|
3. Hebevorgang vom seitlichen Ablagetisch auf Abstellfläche der Spülmaschine |
2. Hebevorgang vom seitlichen Ablagetisch auf Abstellfläche der Spülmaschine |
4. Hebevorgang von der Abstellfläche der Spülmaschine zum Beschicken derselben |
3. Hebevorgang von der Abstellfläche der Spülmaschine zum Beschicken derselben |
|
Da sich für "einen" der o. g. Hebevorgänge bei durchschnittlich 300 zu reinigenden Kompakttabletts insgesamt 600 Tablettober- bzw. -unterteile mit jeweils 1,2 kg Lastgewicht ergeben, entsteht eine Gesamtlast von 720 kg! Bei Arbeitsweise 1 muss demzufolge eine Last von 2880 kg allein an Tabletts bewegt werden,
dies entspricht nahezu der Hälfte (45%) der Gesamtlast aller zu hebenden Arbeitsgegenstände.
Zur Abwendung von Gesundheitsrisiken ist Gestaltungsbedarf angezeigt.
Aufgrund der sich ähnelnden Tätigkeitsinhalte ergibt sich für die Spätschicht eine gleichartige Belastungsstruktur. Eine gesonderte Belastungsanalyse erfolgt daher nicht. Verwiesen wird auf die Beanspruchungsanalyse im Punkt 4.2.1.
Mittagsschicht
Die Mittagsschicht umfaßt eine nur dreistündige Arbeitszeit und dient der Unterstützung der Frühschicht. Aufgabe der Beschäftigten ist es, das Geschirr aus der Spülmaschine zu entnehmen, ggf. nachzutrocknen und anschließend einzusortieren. Belastungsbestimmend sind wiederum die Hebe- oder Haltetätigkeiten (Abbildung 6). Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Zeit pro Hebevorgang von 3,25 Sekunden ergeben sich im Mittel 1600 Hebe- bzw. Haltevorgänge pro Schicht.

Abbildung 6: Tätigkeitsverteilung in der Spülküche - Mittagsschicht
|
Erwartungsgemäß zeigt die Analyse der Lastgewichte eine ähnliche Verteilung wie in der Frühschicht. Insgesamt 91% der zu hebenden Lasten wiegen £ 5 kg, 82% sogar nur bis zu 2 kg (Abbildung 7).
Dreiviertel aller Hebevorgänge finden mit aufrechter bzw. leicht gebeugter Körperhaltung statt. Durch das weite Hineingreifen in die Spülmaschine kommt es dabei jedoch oft zur seitlichen Verdrehung des Oberkörpers (Bild 11). Überkopfarbeit tritt nur zu 5% auf,
vorwiegend beim Einsortieren der Thermotabletts auf die Tablettwagen und beim Einräumen des Kochgeschirrs in die ungünstig angeordneten Regale des Lagerraumes (Bilder 12 und 13). Durch eine entsprechende Arbeitsplatzgestaltung lässt sich letztere Ursache vermeiden.

Abbildung 7: Prozentuale Anteile von Lastgewichten und Körperhaltungen beim Heben oder Halten - Mittagsschicht
|
|

Bild 11: Das vermeintlich schnellere Arbeiten durch tiefes Hineingreifen in die Spülmaschine bewirkt wiederholt eine unnötige Belastung der Wirbelsäule
|
|

Bild 12: Einsortieren der Thermotabletts in Tablettregalwagen
|
|

Bild 13: Einsortieren von Kochgeschirr in unzweckmäßig angeordnete Regale
|
|
Zur überwiegend statischen Muskelarbeit kommt eine dynamische Ganzkörperarbeit durch das Tragen von Lasten über lange Wege hinzu (vgl. Abbildung 6). Die Ursachen hierfür bilden die verschiedenen Standorte, an denen insbesondere das Kochgeschirr/-zubehör einzusortieren ist.
Dazu gehören der bereits genannte Lagerraum (derzeitige Bezeichnung: Vorbereitungsraum), die Topfspüle, die Küche und der zur Zwischenablagerung genutzte Tablettregalwagen im Flur. Die zu überwindenden Entfernungen variieren zwischen 16 m und 21 m, lediglich der Weg zum Tablettregalwagen beträgt nur 5 m.
Auf der Basis des MMH-Verfahrens wurde für das Tragen über kurze und lange Wege eine Gesamtstrecke von 760 m pro Schicht ermittelt. Da die Verwendung von Transportwagen infolge der engen Platzverhältnisse kaum möglich ist, sollte eine veränderte Raumnutzung angestrebt werden.
|
|
Topfspülschicht
Im Vergleich zu den anderen Schichtlagen ist der Arbeitsinhalt in dieser Schicht durch verschiedenartige, belastungswechselnde Tätigkeiten gekennzeichnet. Bedingt wird der Wechsel zwischen der statischen und der dynamischen Muskelarbeit durch drei wesentliche Aufgaben:
- Entleeren der Spülmaschine und Einsortieren des Speisegeschirrs während der ersten Spitzenzeit (zur Reinigung des Frühstücksspeisegeschirrs)
- eigenverantwortliches Reinigen und Bereitstellen des Speisegeschirrs für die hauseigene Cafeteria und
- manuelles Säubern von stark verschmutztem und sperrigem Kochgeschirr in der Topfspüle (Bild 14).
Abbildung 8 verdeutlicht die Tätigkeits- und Belastungsstruktur. Hebe- oder Haltevorgänge haben einen Anteil von mehr als einem Drittel pro Schicht, woraus im Durchschnitt 1900 Hebe-/Haltevorgänge resultieren.

Abbildung 8: Tätigkeitsverteilung in der Spülküche – Topfspülschicht
Mit der Analyse der Lastgewichte wird erneut sichtbar, dass nahezu 90% der Lasten £
5 kg beträgt (Abbildung 9). Lastgewichte von bis zu 10 kg entstehen durch das Heben von gleichzeitig mehreren Tellern, beim Entleeren und Ausspritzen der Thermosbehälter für Kaffe bzw. Wasser oder beim manuellen Reinigen großer Töpfe, Pfannen und Schneidbretter (5,5 bis 7 kg). Lastgewichte von über 10 kg werden vor allem durch das Entleeren und Säubern von noch gefüllten Kaffee- bzw. Wasserthermosbehältern (in Abhängigkeit vom Füllstand bis zu 15,5 kg) verursacht.

Abbildung 9: Prozentuale Anteile von Lastgewichten und Körperhaltungen beim Heben
oder Halten - Topfspülschicht
Die Körperhaltungsanalyse belegt, dass mit 71,4% eine aufrechte und leicht gebeugte Körperhaltung dominiert, jedoch in fast 23% der Fälle ein stark gebeugtes Heben bzw. Halten notwendig ist (vgl. Abbildung 9). Das Entleeren und Säubern der Kaffee- bzw. Wasserthermosbehälter und die manuellen Reinigungsarbeiten in der Topfspüle sind hierfür maßgeblich. Auch wenn dabei Lastgewichte von unter 2 kg überwiegen (14,9%), sie werden durch das Halten der flexiblen Handbrauseeinrichtung mit Sicherheitsschnellverschluss verursacht (Gewicht: 800 g), sollte eine Verminderung dieser Belastungen angestrebt werden.
|

Bild 14: Manuelles Reinigen in der Topfspüle
Mit der Bereitstellung des Speisegeschirrs in der Cafeteria ist der An- und Abtransport desselben verbunden. Für das Ziehen/Schieben der Geschirrwagen resultiert hieraus ein Anteil von 14,1%. Die dabei auftretenden Zug-/ Druckkräfte sind gering, sie schwanken zwischen 50 N beim Anziehen und 20 N während des Transportvorganges. Das gleichzeitige Ziehen und Schieben von zwei Geschirrwagen bedingt jedoch eine ergonomisch ungünstige Körperhaltung, es kommt zur Verdrehung der Wirbelsäule.
Ähnlich den Belastungen in der Mittagsschicht führt das Tragen von Lasten über lange Wege zu dynamischer Ganzkörperarbeit (vgl. Abbildung 8). Auch hier wird diese durch das Einsortieren des Kochgeschirrs an verschiedenen Standorten begründet. Des öfteren sind Lastwege von 23 m (Topfspüle ®
Spülmaschine/ Eingabeseite) und gelegentlich von 30 m (Topfspüle ®
Lagerraum) zu überwinden. Der Gesamtweg mit Last beträgt pro Schicht im Durchschnitt 640 m. Eine veränderte Raumnutzung ist zu empfehlen.
Aufgrund der unterschiedlichen Arbeitsaufgaben und der verschiedenen Arbeitsorte ergibt sich eine erhöhte Bewegungsaktivität für die Beschäftigten in der Topfspülschicht. Mit Hilfe von Schrittzählern wurde nachgewiesen, dass die damit verbundene Laufstrecke zwischen 4,4 und 5,3 km variiert. Vergleicht man diese ermittelte Laufarbeit mit der Laufleistung von Kommissioniererinnen /SLIAA, 1999/ oder der von Servierpersonal /KRAMER et al., 1982/, so kann eingeschätzt werden, dass die in der Topfspülschicht erbrachte Laufleistung im normalen Bereich liegt. Dennoch bleibt festzuhalten, dass der dabei wirkende Zeitdruck zu einer erheblichen Beanspruchung der weiblichen Beschäftigten beiträgt (vgl. Punkt 4.2.1).
|
4.1.2 Manuelles Lastenhandhaben - Leitmerkmalmethode
Epidemiologische Untersuchungen belegen, dass Wirbelsäulenbeschwerden und –schädigungen bei Berufsgruppen mit tätigkeitsbedingter Belastung durch fortgesetztes Heben und Tragen von Lasten in stärkerem Maße vorkommen als in Vergleichs- oder Kontrollgruppen /CHAFFIN, PARKER, 1973; LAURIG et al., 1985; BOLM-AUDORFF, 1993/. Darüber hinaus zeigt die Fachliteratur deutliche Zusammenhänge zwischen einseitigen dauerhaften statischen Körperhaltungen und gesundheitsgefährdenden mechanischen Belastungen der Wirbelsäule auf. /JUNGHANS, 1979; BOROWSKI, 1981; KÖSSLER, 1998/.
Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems stellen mit 28,7% die häufigste Ursache krankheitsbedingter Fehlzeiten dar. Die damit einhergehenden Kosten belaufen sich auf
ca. 23 Milliarden DM jährlich /BAuA, 1999/. Da der arbeitsbedingte Anteil von Muskel- und Skeletterkrankungen auf 33% geschätzt wird, sind 7,6 Milliarden DM/ Jahr allein auf schlecht gestaltete Arbeitsbedingungen zurückzuführen /HANSEN, 1993/.
Die hohe Prävalenz von Wirbelsäulenerkrankungen macht deutlich, dass insbesondere zur Vermeidung dieser Erkrankungen Handlungsbedarf für eine präventive Arbeitsgestaltung besteht. Dementsprechend fordert der Gesetzgeber eine Gefährdungsbeurteilung bei Hebe- und Tragetätigkeiten gemäß §5 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) unter Bezugnahme des Anhangs der Lastenhandhabungsverordnung (LastenhandhabV).
Zur praktischen Umsetzung der Forderungen der LastenhandhabV wurde die vom Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASI) empfohlene Leitmerkmalmethode der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) angewandt /Steinberg, 1997/. Mit diesem Screeningverfahren wird eine Gefährdungs-abschätzung auf der Grundlage der Leitmerkmale Zeit, Last, Körperhaltung und Ausführungsbedingungen vorgenommen. Entsprechende Gestaltungserfordernisse sind anschließend ableitbar.
Unter Nutzung der ermittelten Belastungsanteile aus den MMH-Analysen konnte eine objektive Gefährdungsbewertung für die Tätigkeiten in der Spülküche erfolgen (vgl.Tabelle 3).
Tabelle 3: Ergebnisse der Gefährdungsbewertung für manuelle Lastenhandhabungen anhand von Leitmerkmalen für die Tätigkeiten in der Spülküche (Leitmerkmalmethode-Stand: 1997)
Tätigkeit - Schichtlage |
Zeit- wichtung |
Leitmerkmale |
Punkt-summe |
Risiko- stufe |
|
(Punkte) |
Last- gewicht (L)
(Punkte) |
Körper- haltung (KH)
(Punkte) |
Ausfüh- rungsbe-dingungen (AB) (Punkte) |
(L+KH+AB)x Zeitwichtung |
|
Frühschicht |
8 |
1,2 |
2,3 |
1 |
36,0 |
3 |
Mittagsschicht |
8 |
1,1 |
2,3 |
1 |
35,2 |
3 |
Topfspülschicht |
8 |
1,2 |
2,2 |
1 |
35,2 |
3 |
Für alle Tätigkeiten ergibt sich eine Einstufung in die Risikostufe 3. Diese Risikostufe besagt, dass eine wesentlich erhöhte Belastung für die Beschäftigten vorliegt. Eine körperliche Überbeanspruchung ist auch für normal belastbare Personen möglich. Gestaltungsmaßnahmen sind angezeigt.
Seit Dezember 1999 liegt eine überarbeitete Leitmerkmalmethode der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin vor /BAuA, 1999/. Aus der Anwendung dieser neuen gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse auf die im Spülbereich bestehende Belastungssituation resultiert nachfolgende Bewertung (Tabelle 4):
Tabelle 4: Ergebnisse der Gefährdungsbewertung für manuelle Lastenhandhabungen anhand von Leitmerkmalen für die Tätigkeiten in der Spülküche (Leitmerkmalmethode-Stand: 1999)
Tätigkeit -/ Schichtlage |
Zeit- wichtung |
Leitmerkmale |
Punkt- summe |
Risiko- stufe |
|
(Punkte) |
Last- gewicht (L)
(Punkte) |
Körper- haltung (KH)
(Punkte) |
Ausfüh- rungsbe-dingungen (AB) (Punkte) |
(L+KH+AB)x Zeitwichtung |
|
Frühschicht |
12 |
0,9 |
2,3 |
1 |
50,4 |
4 |
Mittagsschicht |
10 |
0,7 |
2,3 |
1 |
40,0 |
3 |
Topfspülschicht |
10 |
0,9 |
2,2 |
1 |
41,0 |
3 |
Für die Frühschicht bewirkt die Erhöhung der Punktsumme von bisher 36 auf 50 Punkte eine Einstufung in die höchste Risikostufe, die Stufe 4. Damit wird angezeigt, dass eine hohe Belastung gegeben und eine körperliche Überbeanspruchung wahrscheinlich ist. Gestaltungsmaßnahmen sind dringend erforderlich!
Die neue, weiterführende Skalierung der Zeitwichtung führt folglich zu einer stärkeren Beachtung der Wirbelsäulenbelastung, die durch hohe Wiederholungshäufigkeiten kurzzyklischer Hebevorgänge hervorgerufen wird. Dem vorliegenden enormen Wiederholunsgrad von knapp 4000 Hebevorgängen pro Schicht wird damit besser Rechnung getragen. Gleichzeitig werden Mängel in der Arbeitsorganisation und der Arbeitsaufgabengestaltung offenbar.
Für die Mittags- und Topfspülschicht ergeben sich kleinere Punktsummenerhöhungen, den vergleichsweise niedrigeren Hebehäufigkeiten wird angemessen entsprochen.
Zur Verminderung der physischen Belastung sind technische, organisatorische und/ oder personenbezogene Gestaltungsmaßnahmen möglich. Im vorliegenden Fall muss gestalterisch vorrangig auf die Leitmerkmale "Zeitwichtung" (Wiederholhäufigkeit der Hebe- oder Haltevorgänge) und "Körperhaltung" Einfluss genommen werden, da diese entscheidend zur erhöhten Punktzahl beigetragen haben.
|
|