3.3. Untersuchungen zur Arbeitsschwere beim Holzeinschlag

Auf Anforderung der Gewerbeaufsichtsämter wurde vollzugsunterstützend eine Untersuchung der Arbeitsschwere bei der Holzernte (Fällarbeiten) mittels Aufzeichnung der Herzschlagfrequenz durchgeführt. Auf die Untersuchung der Tätigkeiten nach der so genannten Leitmerkmalmethode, die vor allem Gesundheitsrisiken des Stütz- und Bewegungssystems aufdecken soll, wurde verzichtet. Hierzu wurde bereits in den Frostämtern des Landes Hessen eine umfangreiche Untersuchung durchgeführt, auf deren Ergebnisse zurückgegriffen werden kann.

Charakterisierung des Untersuchungsbereiches und der untersuchten Tätigkeit

Die physiologischen Untersuchungen zur motormanuellen Holzernte wurden von Mitarbeitern des SLIAA an zwei Arbeitnehmern an zwei aufeinanderfolgenden Tagen (15. und 16.11.2000) im Forstrevier Bad Elster bei der Holzernte von mittelstarkem Nadelholz durchgeführt. Die zu bearbeitende Hiebsfläche hatte z. T. eine leichte Hangneigung, ohne Unterholz mit Anteilen von Schlagreisig aus früheren Hieben. Die beiden Arbeitnehmer waren versierte und im Umgang mit der Motorsäge vertraute Forstwirte mit langjähriger Berufserfahrung. Auf Grund der langjährig regelmäßig durchgeführten Vorsorgeuntersuchungen, die keine Auffälligkeiten ergaben, ist gewährleistet, dass es sich bei den beiden Forstwirten um gesunde und normalleistungsfähige Arbeitnehmer handelt. Die Außentemperaturen entsprachen der Jahreszeit, ohne Schneefall und Bodenfrost.

Die Entlohnung der Holzerntearbeiten erfolgt nach Stücklohn entsprechend dem "Tarifvertrag über die Entlohnung von Holzerntearbeiten nach dem Erweiterten Sortentarif vom 3. Mai 1979".

Entsprechend § 4 Allgemeine Zeiten sind in den Vorgabezeiten folgende allgemeine Zeiten enthalten:

- 20 % Grunderholzeit einschl. persönliche Verteilzeit (Bezugsbasis: Arbeiter-Ist-Grundzeit)

- 4,6 % Rüstzeit (Bezugsbasis: Arbeiter-Normal-Grundzeit)

- 1,8 % Pausenwegezeit (Bezugsbasis: Arbeiter-Normal-Grundzeit)

- 3,3 % Sachliche Verteilzeit (Bezugsbasis: Arbeiter-Normal-Grundzeit)

In den Vorgabezeiten mit der Motorsäge sind 25 % motorsägenbezogene Erholzeiten (Bezugsbasis: Motorsägen-Ist-Grundzeit) und 7,39 % Sachliche Verteilzeit für die Motorsäge (Bezugsbasis: Motorsägen-Normal-Grundzeit) enthalten.

Im Abs. 3 des § 4 wird ausdrücklich bestimmt, daß die in den Vorgabezeiten enthaltenen Erholzeiten einzuhalten sind.

Die vorgegebene tägliche Arbeitszeit beträgt 8 Stunden - ohne die Pausen zur Nahrungsaufnahme.

Folgende Ausrüstungen wurden verwendet:

Persönliche Schutzausrüstungen (u.a. Helm mit Gehör- und Gesichtsschutz), Motorsäge, Werkzeuggürtel, Maßband, Fällheber, Keile, Wendehaken, Kennzeichnungsspray.

Arbeitsablauf

Nicht vorhersehbare Arbeitserschwernisse waren: Hänger, Gegenhänger, Beseitigen von hinderlichen, unverwertbaren, schwachen Bäumen

Beanspruchungsanalyse

Ausgehend vom Belastungs-Beanspruchungs-Konzept /ROHMERT, 1984/ ist es durch arbeitsphysiologische Untersuchungen möglich, die arbeitsbedingte Belastung der Beschäftigten aufgrund der daraus resultierenden Beanspruchung zu beurteilen.

Die Beurteilung erfolgt auf der Grundlage der tätigkeitsbezogenen, kontinuierlichen Aufzeichnung der Herzschlagfrequenz (HSF) über jeweils einen gesamten Schichtverlauf. Um allgemeingültige, individiumsunabhängige Aussagen ableiten zu können, ist es notwendig, inter- und intraindividuelle Streuungen zu eliminieren /HETTINGER, 1970; MÜLLER, 1989/. Dazu wird die gemessene HSF durch Subtraktion der individuellen Ruheherzschlagfrequenz (RHF) in eine Arbeitsherzschlagfrequenz (AHSF) transformiert.

Die Bestimmung der individuellen RHF erfolgt vor Schichtbeginn im Sitzen über eine Zeitdauer von mindestens fünf Minuten in ruhiger Umgebung. Zeigen die personenbezogenen HSF-Aufzeichnungen einen anderen Tagesminimalpuls auf, so wird dieser zu Bewertung herangezogen.

Þ HSF – RHF = AHSF

Die so gewonnene AHSF wiederspiegelt die durch die Arbeitstätigkeit hervorgerufene Beanspruchung und wird nach einem in der Fachliteratur /ROHMERT,HETTINGER,1970; FRAUENDORF; KOBRYN,1975; GRANDJEAN,1991/ angegebenen Dauerleistungsgrenzwert bewertet. Der Schichtmittelwert der über die gesamte Schicht ermittelten AHSF sollte danach 35 Schläge/min (bei einer im Sitzen bestimmten Ruhe-HSF) nicht überschreiten.

Þ Dauerleistungsgrenzwert (DLG) = 35 Schläge/min

Der Dauerleistungsgrenzwert beschreibt das Maß derjenigen maximalen Arbeitsleistung, die ohne zusätzliche Erholungspausen, über einen Zeitraum von acht Stunden ohne Leistungsabfall erbracht werden kann.

Die Registrierung der HSF erfolgte unter Einsatz eines PHYSIO-LOGGERs der Firma Rimkus-Medizintechnik und zweier Screening-Herzaktionszähler der Firma Rentsch. Die Applikation der Elektroden erfolgte auf der vorderen Thoraxwand in einer modifizierten NEHB-A-Ableitung /FRAUENDORF, KOBRYN, 1975/. Als Signalaufnehmer dienten Einmalgebrauchsklebeelektoden der Art Silber/Silberchlorid.

Parallel zu jeder HSF-Messung fand eine Arbeitsablaufstudie statt. Dazu wurde die auszuführende Tätigkeit unter dem Aspekt der körperlichen Beanspruchung in Teiltätigkeiten gegliedert. Ziel war es, die von den Beschäftigten ausgeführten Arbeitsverrichtungen "zeitsynchron" zu erfassen um sie so den registrierten Beanspruchungen zuordnen zu können.

Folgende Strukturierung der Teiltätigkeiten (Teiltätigkeit 4 nicht belegt) wurden vorgenommen:

Teiltätigkeit 1: Vorbereitungs- und Abschlussarbeiten

Alle Tätigkeiten, die zur Vorbereitung und zum Abschluss der Arbeiten im Sinne des Arbeitsauftrages erforderlich sind, z. B. erstes Aufsuchen des Arbeitsortes und letztes Aufsuchen des Wagens zum Schichtschluss, Aufräumarbeiten am/im Schutzwagen (Lauf- und Tragetätigkeiten)

Teiltätigkeit 2: Verrichtung manueller Tätigkeiten

Alle manuell ausgeführten Arbeiten (siehe Arbeitsablauf)

Teiltätigkeit 3: Wartungsarbeiten

Alle Tätigkeiten, die notwendig werden, um einen reibungslosen Kettensägeneinsatz zu gewährleisten wie z. B. Schärfen und Schmieren der Kette, Auffüllen von Benzin

Teiltätigkeit 5: Pausen zur Nahrungsaufnahme

Pausen im Schutzwagen zum Zweck der Nahrungsaufnahme (ohne den Weg zum Wagen)

Teiltätigkeit 6: Arbeitsunterberechungen

Arbeitsunterbrechungen, die (mit Ausnahme der Teiltätigkeit 5) durch die Beschäftigten selbst veranlasst werden, wie z. B. Besprechung mit Kollegen/Vorgesetzten, Erholungspausen

Ergebnisse der Beanspruchungsanalyse

Nach Auswertung aller personenbezogenen HSF-Meßergebnisse erfolgte die Ermittlung des Schichtmittelwertes über alle HSF-Messungen.

Der Schichtmittelwert der AHSF beträgt 43/min und liegt damit erheblich über dem Dauerleistungsgrenzwert. Entsprechend der Klassifizierung der Arbeitsschwere nach der Richtlinie von FRAUENDORF, KOBRYN (1975) ist die Tätigkeit der motormanuellen Holzernte von mittelstarkem Holz als "sehr schwer" einzustufen.

Die Ergebnisse der Beanspruchungsanalyse bestätigen die in verschiedener Fachliteratur /STAMPFER, 1997/ wiedergegebenen Aussagen, dass trotz Einführung verschiedener technischer Arbeitshilfen die Belastung in der Holzernte in der Regel die physische Dauerleistungsgrenze erreicht oder sogar deutlich überschreitet.

Weitere Aussagen zu den von uns durchgeführten Messungen konnten durch die tätigkeitsspezifische Analyse der untersuchten Holzerntearbeiten erfolgen. Hierzu wurden die Mittelwerte der AHSF der einzelnen Teiltätigkeiten unter Angabe ihrer relativen Zeitanteile sowie der zugehörige Schichtmittelwert der AHSF in Beziehung gesetzt (Abb. 22).

Abb. 22: Schichtmittelwert der AHSF und Mittelwerte der AHSF für die einzelnen Teiltätigkeiten mit Angabe ihrer Zeitanteile in Prozent (n = 4)

Die Aufschlüsselung in Teiltätigkeiten zeigt, dass die motormanuelle Holzernte sich durch einen hohen Anteil an manuellen Tätigkeiten auszeichnet, die über einen langen Zeitraum den Dauerleistungsgrenzwert erheblich überschreiten. Rechnet man die AHSF der anderen manuell ausgeführten Tätigkeiten wie Vorbereitungs- und Abschlussarbeiten und Wartungsarbeiten noch hinzu, so erhält man in 76 % der Gesamtarbeitszeit eine Überschreitung der DLG.

Untersuchungen an andern Personen weisen sogar in 80 – 87 % der Arbeitszeit eine Überschreitung der Dauerleistungsgrenze bei der motormanuellen Holzernte nach /STAMPFER, 1997/.

Bei der Interpretation der Ergebnisse findet sich über alle zitierten Literaturstellen hinweg die Schlussfolgerung, dass eine derartige Beanspruchung über eine Schichtdauer ohne fortschreitende Ermüdung nicht mehr bewältigt werden kann! Derartig hohe Arbeitsbelastungen stellen ein erhöhtes Gesundheitsrisiko für das Herz-Kreislauf-System dar.

In der Auswertung der einzelnen personenbezogenen HSF-Messungen wurde auffällig, daß durch Erhöhung der selbst veranlassten Arbeitsunterbrechungen (bis max. 11 % der Arbeitszeit), sich die AHSF in der Erholungspause bis auf 17/min senkte. Während bei einem sehr geringem Anteil an selbst veranlassten Arbeitsunterbrechungen (min. 3 % der Arbeitszeit), die AHSF selbst in der Erholungspause immer noch bei 25/min lag. Nach einer derartig langen Beanspruchung konnte ein Regenerationseffekt bzw. Restitutionseffekt des Körpers selbst in den großen Erholungspausen nicht nachgewiesen werden.

1 Vorbereitungs-/Abschlussarbeiten 2 manuelle Tätigkeiten 3 Wartungsarbeiten 5 Pausen zur Nahrungsaufnahme 6 Arbeitsunterbrechungen

Abb. 23: Beispielhafter zeitlicher Verlauf der AHSF während einer Schicht

Hierin bestätigt sich, dass die eigenverantwortlich vorgenommen Arbeitsunterbrechungen für die Erholung unabdingbar sind, die Anzahl und vor allem aber die Längen (von minimal 4 min bis maximal 17 min) nicht ausreichen um einen Leistungsabfall vorzubeugen.

Die möglichen Gründe der Nichtinanspruchnahme von entsprechend langen Erholungspausen können nur vermutet werden (hoher Leistungsdruck durch zu knappe Zeitvorgaben, Wunsch nach größeren Pausenblöcken am Ende der Schicht)/STAMPFER, 1997/.

Auch wenn die notwendigen ergonomischen Arbeitsweisen den Forstarbeitern hinlänglich bekannt sind, so werden sie doch nicht in jedem Falle angewendet. Eigene Beobachtungen und mehrere Literaturstellen /z. B. HÖHNKE, 1995/ belegen dies.

Alleine schon durch den hohen Anteil an motormanueller und reiner Handarbeit ergibt sich eine extrem hohe statische Belastungen des Stütz- und Bewegungsapparates, welche sich u. a. begründet in der eingeschränkten Standsicherheit, der Wiederholhäufigkeit, der zu bewältigenden Last, sowie der auftretenden Zwangshaltungen mit und ohne Last /BLB, 1999/.